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    Leben im Kiez

    Josefine Mutzenbacher: Das Buch, das Wien nie losließ

    Redaktion Berlin-KiezVon Redaktion Berlin-Kiez01/08/2026Keine Kommentare7 Minuten Lesezeit
    josefine mutzenbacher
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    Table of Contents

    • Josefine Mutzenbacher: Wiens berühmtestes literarisches Rätsel
    • Wien um 1900: Das Milieu hinter dem Mythos
    • Die Handlung: Mehr als Erotik – ein Zeitdokument
    • Wer schrieb Josefine Mutzenbacher wirklich?
      • Das Felix-Salten-Rätsel
    • Verboten, beschlagnahmt, indiziert: Die Zensurgeschichte
      • Das Bundesverfassungsgericht-Urteil von 1990
    • Von der Buchhandlung in die Kinokasse: Die Filmwelle der 1970er
    • Literarischer Rang: Wo steht der Roman heute?
    • Häufig gestellte Fragen (FAQs)

    Josefine Mutzenbacher: Wiens berühmtestes literarisches Rätsel

    Josefine Mutzenbacher ist ein 1906 anonym in Wien erschienener Erotikroman mit dem Untertitel „Die Geschichte einer Wienerischen Dirne von ihr selbst erzählt“. Das Buch beschreibt die sexuelle Sozialisation eines Mädchens aus dem Wiener Proletariat an der Jahrhundertwende – explizit, lakonisch und in einer Volkssprache verfasst, die bis heute ihresgleichen sucht. Die Urheberschaft wird überwiegend dem Schriftsteller Felix Salten zugeschrieben, ist jedoch nie endgültig bewiesen worden.

    Wien um 1900: Das Milieu hinter dem Mythos

    Das Milieu, das der Roman zeichnet, ist keine literarische Erfindung aus dem Nichts. Die Donaumetropole um die Jahrhundertwende war eine glitzernde Fassade, hinter der Armut, Prostitution und gesellschaftliche Chancenlosigkeit das Leben weiter Bevölkerungsschichten prägten. Die Wiener Vorstadt, die sogenannten „Bassena-Häuser“ mit ihren überfüllten Mietskasernenwohnungen, war der reale Hintergrund, den der Text mit erschreckender Nüchternheit aufgreift.

    Josefine Mutzenbacher erzählt rückblickend als ältere Frau von ihrer Kindheit und Jugend im fünften Wiener Gemeindebezirk. Der Ton ist dabei bemerkenswert: kein Selbstmitleid, keine moralisierende Deutung, keine Reue. Die Protagonistin berichtet von frühen sexuellen Erfahrungen mit einer Sachlichkeit, die dem Buch einerseits seinen literarischen Rang, andererseits seine jahrzehntelange Umstrittenheit einbrachte.

    Die Handlung: Mehr als Erotik – ein Zeitdokument

    Der Roman beginnt mit der frühen Kindheit Josefines in einer proletarischen Familie. Der Vater ist Gelegenheitsarbeiter, die Mutter überfordert, die Wohnung eng. Sexualisierte Übergriffe durch Erwachsene aus dem unmittelbaren Umfeld gehören zum frühen Erfahrungshorizont der Ich-Erzählerin – und genau hier liegt die eigentliche Sprengkraft des Textes: nicht im Expliziten an sich, sondern in der erzählerischen Kälte, mit der soziale Verhältnisse als Rahmen von Ausbeutung beschrieben werden.

    Mit dem Eintritt ins Erwachsenenleben entwickelt die Protagonistin zunehmend Eigeninitiative und navigiert die Wiener Halbwelt mit einer gewissen Raffinesse. Das Buch endet nicht mit Verurteilung oder gesellschaftlichem Ausschluss, sondern mit einer Rückschau, die – trotz allem – eine pragmatische Lebensbilanz zieht. Literaturwissenschaftler haben das immer wieder als subversiven Kunstgriff gewertet: Die Erzählerin verweigert die bürgerliche Buße.

    Wer schrieb Josefine Mutzenbacher wirklich?

    Die Frage der Autorschaft gehört zu den dauerhaftesten offenen Fragen der deutschsprachigen Literaturgeschichte. Erschienen ist das Werk 1906 als sogenannter Privatdruck ohne Namensnennung – zu einer Zeit, in der solche Publikationen regelmäßig polizeilich verfolgt wurden.

    Das Felix-Salten-Rätsel

    Der österreichisch-jüdische Schriftsteller Felix Salten (1869–1945), der heute vor allem durch seinen Kinderroman „Bambi, eine Lebensgeschichte aus dem Walde“ (1923) bekannt ist, gilt als wahrscheinlichster Autor. Der Germanist und Salten-Forscher Karl Zieger hat umfangreiche textlinguistische und biographische Argumente gesammelt, die auf Salten hindeuten – darunter charakteristische Stilmerkmale, spezifisches Vokabular und zeitgenössische Aussagen aus Saltens engstem Bekanntenkreis.

    Auch der Literaturwissenschaftler Murray G. Hall hat in seiner Wiener Kulturgeschichte des frühen 20. Jahrhunderts Salten mehrfach als plausiblen Verfasser eingeordnet. Der Nachweis bleibt dennoch ein indirekter: Kein Originalmanuskript, keine eindeutige Selbstaussage, keine zeitgenössische Quittung. Andere Namen – darunter der Journalist Eduard Michael Kafka – tauchten im Laufe der Jahrzehnte ebenfalls als mögliche Autoren auf, ohne dass sich eines der Argumente als stichhaltig erwies.

    Für die Literaturgeschichte ist diese Frage alles andere als trivial. Ein Werk, das denselben Schreiber wie „Bambi“ hätte, würde ein faszinierendes Bild eines Autors zeichnen, der zwischen Kinderklassiker und radikaler Erotik zu pendeln vermochte – und dabei das bürgerliche Wien seiner Zeit aus zwei vollkommen verschiedenen Winkeln betrachtete.

    Verboten, beschlagnahmt, indiziert: Die Zensurgeschichte

    Kaum ein deutschsprachiges Buch wurde im 20. Jahrhundert so konsequent durch juristische Instanzen verfolgt. Der Privatdruck von 1906 war bereits ein bewusstes Manöver, um staatliche Kontrolle zu umgehen – mit begrenztem Erfolg. In der Weimarer Republik kursierten verschiedene Raubdrucke, und nach 1945 setzte die Bundesprüfstelle für jugendgefährdende Schriften (BPjS) das Werk auf den Index, was den offenen Vertrieb und die Werbung erheblich einschränkte.

    Das Bundesverfassungsgericht-Urteil von 1990

    Den juristisch bedeutendsten Moment erlebte das Buch im Jahr 1990. Das Bundesverfassungsgericht entschied in einem Grundsatzurteil (BVerfGE 83, 130) über die Frage, ob die Indizierung mit dem verfassungsrechtlich garantierten Grundrecht auf Kunstfreiheit (Art. 5 Abs. 3 GG) vereinbar sei.

    Das Gericht bejahte die Vereinbarkeit und stellte fest, dass der Jugendschutz auch künstlerische Werke einschränken darf – ohne dass damit ein generelles Veröffentlichungsverbot verbunden ist. Dieses Urteil ist bis heute ein zentrales Referenzdokument im deutschen Medien- und Kunstrecht und definiert präzise die Grenzen der Abwägung zwischen Kunstfreiheit und Minderjährigenschutz. In juristischen Fachkreisen wird „Josefine Mutzenbacher“ seither als kanonischer Fall zitiert.

    Von der Buchhandlung in die Kinokasse: Die Filmwelle der 1970er

    In den 1970er Jahren erlebte der Roman eine unerwartete mediale Metamorphose. Die westdeutsch-österreichische Filmproduktion griff den Titel auf und schuf unter anderem mit Ernst Hofbauers Verfilmung von 1970 eine ganze Reihe von Softerotikproduktionen, die unter dem Markennamen des Romans vertrieben wurden.

    Diese Filme hatten mit dem literarischen Original oft nur noch den Namen gemein – sie bedienten den Markt für freizügige Unterhaltung, der nach der Liberalisierung der Zensurgesetze in der frühen Bundesrepublik florierte. Kulturhistorisch sind die Produktionen dennoch interessant als Spiegel einer Gesellschaft im Umbruch: zwischen Studentenbewegung, sexueller Revolution und konservativem Gegenzug. Dass ausgerechnet ein Wiener Roman der Jahrhundertwende zur Vorlage wurde, war kein Zufall – der Name transportierte literarisches Prestige, das dem populären Kino zugutekam.

    Literarischer Rang: Wo steht der Roman heute?

    Die literaturwissenschaftliche Neubewertung der letzten Jahrzehnte ist eindeutig: „Josefine Mutzenbacher“ ist kein reines Pornographikum, sondern ein Werk mit erkennbarer Handschrift, sozialhistorischem Tiefgang und erzähltechnischer Raffinesse. Die konsequente Ich-Perspektive, der erinnerungspoetische Rückblick, die Verweigerung bürgerlicher Moralerzählungen – das sind literarische Entscheidungen, keine Zufälle.

    Verlage wie Rowohlt haben das Buch in Deutschland zugänglich gemacht. In Österreich genoss es ohnehin stets einen halboffiziellen Status als Teil des Wiener Kulturerbes – eine Haltung, die angesichts des Wiener Fin de Siècle, des Kaffeehauses und der gleichzeitigen Entstehung der Psychoanalyse durchaus Sinn ergibt. Das Buch ist heute in Deutschland nicht mehr indiziert und kann mit entsprechenden Altershinweisen frei erworben werden. Akademische Editionen und Kommentarbände sind erschienen. Die Debatte um Autorschaft, Zensurgeschichte und literarischen Rang bleibt lebendig – in Seminaren, Feuilletons und gelegentlich in der Rechtsprechung.

    Häufig gestellte Fragen (FAQs)

    Wer hat Josefine Mutzenbacher geschrieben?
    Die Autorschaft ist bis heute nicht abschließend geklärt. Am häufigsten wird der österreichische Schriftsteller Felix Salten (1869–1945) genannt, der auch „Bambi“ verfasste. Textlinguistische und biographische Analysen stützen diese Zuschreibung, ein schlüssiger Beweis in Form eines Originalmanuskripts oder einer gesicherten Selbstaussage Saltens fehlt jedoch. Das Werk erschien 1906 anonym als Privatdruck in Wien.

    Ist Josefine Mutzenbacher in Deutschland verboten?
    Nein. Das Buch ist in Deutschland nicht verboten. Es stand jahrzehntelang auf dem Index der Bundesprüfstelle für jugendgefährdende Schriften, was bedeutete, dass es nicht offen beworben oder direkt an Minderjährige verkauft werden durfte. Das Bundesverfassungsgericht bestätigte 1990 die Verfassungsmäßigkeit dieser Indizierung. Heute kann das Werk mit entsprechender Alterskennzeichnung regulär erworben werden.

    Welche literarische Bedeutung hat der Roman?
    „Josefine Mutzenbacher“ gilt als eines der bedeutendsten Werke der deutschsprachigen Erotikliteratur und zugleich als sozialhistorisches Zeitdokument des Wien um 1900. Die konsequente Ich-Erzählung, die Ablehnung bürgerlicher Moralerzählungen und die präzise Milieuschilderung des Wiener Proletariats verleihen dem Text eine literarische Qualität, die weit über den expliziten Inhalt hinausgeht. Im deutschen Medienrecht ist der Roman durch das BVerfG-Urteil von 1990 ein Standardreferenzfall.

    Gibt es Verfilmungen von Josefine Mutzenbacher?
    Ja. Besonders in den 1970er Jahren entstanden mehrere westdeutsch-österreichische Softerotikfilme unter diesem Titel, beginnend mit Ernst Hofbauers Produktion von 1970. Diese Filme lehnten sich thematisch an das Wiener Milieu an, hatten mit dem literarischen Original inhaltlich jedoch wenig gemein. Sie spiegeln vor allem den damaligen Markt nach der Lockerung der Zensurgesetzgebung in der Bundesrepublik wider.

    Mehr lesen: Katrin Sass

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